Unser Filmtipp

Es gibt keine Sicherheit

Der Film Systemsprenger von Nora Fingscheidt führt ebenso mitreißendwie schmerzhaft an Grenzen

 

Von Horst Peter Koll

© Eurovideo

Es beginnt mit dem Bild eines zierlichen Fußes, der in einer rosafarbenen Socke steckt. Er gehört einem Mädchen, das mit zahllosen Kabeln verbunden ist und sich einer neurologischen Untersuchung unterzieht. Diese verläuft ruhig und durchaus einvernehmlich, und auch die Ärztin scheint zufrieden: „Sieht alles gut aus.“

Doch etwas stimmt ganz und gar nicht. Fast nebenbei registriert die Kamera blaue Flecken und Hämatome auf der Haut des Kindes, und als die Ärztin ähnlich beiläufig fragt, ob das Mädchen zur Schule gehe, antwortet es lakonisch: „Nö.“ Als sei damit eine längst glosende Zündschnur an ihr Ziel gelangt, explodiert die Szene mit einem einzigen Filmschnitt: Im Innenhof einer Pflegeeinrichtung tobt, schreit und spuckt das Mädchen, flucht in aggressiver, unflätigster Ausdrucksweise und schleudert ein Bobby-Car-Spielauto gegen eine Fensterscheibe. „Keine Sorge, das ist Sicherheitsglas“, wiegelt ein Betreuer ab. Doch das Glas bekommt einen breiten Riss. Es gibt keine Sicherheit.

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Zu diesem wuchtigen Sinnbild von zerspringendem Glas kehrt die Regisseurin Nora Fingscheidt in ihrem Spielfilm Systemsprenger immer wieder zurück. Mit ihrer zupackenden, rasanten und in gutem Sinne plakativen filmischen Sprache fängt sie prägnant die allgemeine Überforderung und Ratlosigkeit angesichts eines Kindes ein, das Ärzte, Pflegefamilien, psychiatrische Betreuer und die Pflegekräfte in Wohngruppen und Sonderschulen an ihre Grenzen führt – und mit ihnen die Zuschauer, die sich ebenso wenig vor der wilden neunjährigen Benni wegducken können. Mit aller Intensität, Wucht und Härte bekommen auch sie die Ausweglosigkeit zu spüren. Dabei will Benni selbst dieser Spirale aus Wut und Aggression entkommen, sehnt sich nach Hinwendung und Geborgenheit, will bei ihrer Mutter wohnen. Die aber hat ihr Leben in prekären, ungeordneten Verhältnissen selbst nicht im Griff und in ihrer Schwäche vor allem eines: Angst vor der Unberechenbarkeit ihrer kleinen Tochter.

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Kinder wie Benni bezeichnen Jugendämter als „Systemsprenger“. Es ist ein kalter, systemischer Begriff, quasi ein Sedativum für die Aktenlage, aber mit der Versachlichung kommt man nicht weit. Denn Benni ist und bleibt einfach da, existiert mit all ihrer Impulsivität und Energie, ihrer taktisch berechnenden Kindlichkeit wie auch mit ihrer unkontrollierten Wut, mit der sie jeden körperlich und seelisch verletzt, um ihre eigene tiefe Versehrtheit zu kaschieren. Der Film stellt sich den Verhältnissen mit einer ähnlich großen Tatkraft, um „trotz allem“ Verständnis für das Kind zu wecken. Dabei hat er die Sachlage akribisch recherchiert, ist aber alles andere als ein Sozialdrama, sondern ein wuchtiger, gefühlsbetonter Spielfilm, der virtuos mit seinen erzählerischen Mitteln umgeht und vor allem von der nahezu unfassbaren Präsenz seiner jungen Hauptdarstellerin lebt. Manchmal schon fürchtet man um das Seelenheil der jungen Helena Zengel, wenn Spiel und Wirklichkeit „rettungslos“ ineinanderfließen.

Genau dieser Verlust an Sicherheit ist aber die größte Leistung des Films: Nicht nur gedanklich, auch körperlich wird spürbar, dass jede Überschreitung des Kindes auch für die Verunsicherung des institutionellen Systems steht, seiner Regeln, Regelwerke und Verhaltensnormen. Das chaotische Erleben des Kindes hängt somit eng mit dem System selbst zusammen, dessen Regeln es sprengt. Das ist für den Film zunächst „nur“ eine Feststellung. Was richtig und falsch ist, wer da Fehler macht, wer nicht, das will und kann er nicht beantworten. Aber er kann Partei für das Opfer ergreifen, das immer mehr in die Enge getrieben wird.

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Wunsch- und Wahnwelt untrennbar ineinander, der Film entwickelt eine Suggestivkraft, die allein schon rechtfertigt, dass er für die „Oscar“-Verleihung eingereicht wurde. Dass es nicht zu einer Nominierung kam, erscheint konsequent: Systemsprenger unterläuft das (selbst-)sichere, kontrollierte Erzählen, wie man es aus Hollywood kennt. Er gibt keine schnelle Antwort, auch nicht auf die entscheidende Frage: Wofür lebe ich? Erst im Nachspann gibt es einen Song, der immerhin ein wenig tröstet. Nina Simone singt „I’ve got life, I’ve got my freedom“: Ich habe mein Leben, meine Freiheit, und ich werde alles tun, um beides zu behalten. Selten erlebt man Kino so intensiv und hautnah, als würde es einen verändern. Von der Literatur kennt man dies eher, das Kino aber beweist selten einen so großen Mut wie Nora Fingscheidt.

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© Susanne Duddeck

Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte.