Unser Filmtipp

Sehnsuchtsorte

Was verbindet Menschen miteinander? Filme aus Indien, Japan, dem Iran und dem Libanon suchen Antworten

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Irgendwo am Stadtrand von Tokio spielt auf einem Balkon einsam und allein ein kleines Mädchen. Für kurze Zeit hatte es erfahren dürfen, was Familienzusammenhalt, Geborgenheit und Fürsorge bedeuten, jetzt bleiben ihm nur die Erinnerung an das wieder Verlorene und der sehnsuchtsvolle Blick über das Balkongeländer hinaus in die leeren, ungastlichen Straßen der Millionenmetropole. Hoch über Mumbai steht eine junge Frau auf dem Dach eines Hochhauses und blickt über die Betonschluchten bis zum Hafen. Als früh verwitwetes Dienstmädchen steckt sie im rigiden Kastendenken der indischen Gesellschaft fest und verfolgt doch sehnsuchtsvoll ihren großen Traum: Sie will Schneiderin werden und ihr eigenes Modeunternehmen gründen. Ein Blick von oben auf die Stadt Beirut ist dem zwölfjährigen Straßenjungen Zain nicht vergönnt. Sein Weg aus dem Armenviertel der hektischen, aus den Fugen geratenden Metropole ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Das ferne Norwegen wird für ihn zum magischen Sehnsuchtsbild, doch allein die Kamera vermag sich über die schmutzigen Gassen und elenden Blechhütten zu erheben.

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Dies sind Momentaufnahmen aus den Filmen Shoplifters – Familienbande, Die Schneiderin der Träume und Capernaum – Stadt der Hoffnung. Mit beeindruckender, jeweils eigener Intensität erzählen sie mal stille, mal extrovertierte Dramen, die durch ihre Menschlichkeit und ihre Zugewandtheit zu den Menschen verbunden sind. Stets geht es um erschütternde Schicksale, um Existenzkämpfe angesichts lebensfeindlicher Verhältnisse, um das Ringen um Würde und Anerkennung – aber auch um die Hoffnung, dass es einmal anders sein könnte. In Zeiten der Globalisierung wird unsere Welt immer ungastlicher und kleiner, sie löst sich langsam auf. Dabei sollte es doch eigentlich um ein radikales Konzept von Freiheit gehen: Globalisierung könnte helfen, Grenzen zu überwinden, könnte Wohlstand für alle schaffen, freier Handel könnte für Frieden und Demokratie sorgen. Eigentlich. Denn das utopische Versprechen einer globalen Demokratie hat sich in Widersprüche verfangen und sich, nicht zuletzt unter dem Druck nationaler Hardliner, in ganz andere Richtungen entwickelt.

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Der Kinofilm wird vielleicht einmal als die Kunstform der Globalisierung in die Geschichte eingehen, die sich am schnellsten in aller Welt verbreitet hat. Wobei Globalisierung nicht sonderlich demokratisch ist. Das wiederum macht das Kino weltweit immer wieder zu seinem Anliegen: wie sich Menschen einer tiefen, modernen Entwurzelung ausgeliefert sehen, wie sich globaler Rassismus ausbreitet, wie soziale Ungleichheit wächst und die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Oft bleibt in den subtil erdachten, anrührend erzählten Gegenwartsfilmen dann nur der stumme Blick der Protagonisten, in dem sich Ratlosigkeit und Trauer, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit spiegeln. Und die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Es ist wunderbar, dass sich mutige Filmemacherinnen und Filmemacher nicht davon abhalten lassen, Geschichten zu erfinden, die bei allem Elend doch immer auch von etwas Widerständigem handeln, von unzerstörbaren Träumen. Der Iraner Jafar Panahi hat sich stets kritisch mit Politik und Gesellschaft seiner islamischen Heimat auseinandergesetzt; selbst eine lange Haftstrafe und 20 Jahre Berufsverbot hinderten ihn nicht daran, einen Film wie Drei Gesichter zu drehen: eine neugierige, mitunter heitere Reise in den ländlichen Norden des Iran, wo er Traditionen, religiösen Überzeugungen und eigenwilligen Menschen begegnet, aber auch den Abgründen religiös geprägter Lebensvorstellungen.

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Ähnlich subtil und menschenfreundlich entfaltet Hirokazu Kore-eda in Shoplifters – Familienbande Schritt für Schritt die Wahrheit seiner seltsamen Kleinfamilie, die liebevoll und fürsorglich ein einsames Mädchen aufnimmt. Was die „Mutter“ einmal auf den Punkt bringt: „Ich habe sie gefunden. Weggeworfen hat sie jemand anders.“ Und in Capernaum – Stadt der Hoffnung entfaltet die libanesische Regisseurin Nadine Labaki filmisch atemberaubend die ganze erzählerische Kraft des Kinos. Konsequent zeigt sie die Welt aus der Perspektive der vernachlässigten und gefährdeten Straßenkinder, wie sie rennen, flüchten, stehlen, auf Müllbergen hocken, mit dem Nichts improvisieren. Was Capernaum mit Shoplifters, Drei Gesichter und Die Schneiderin der Träume verbindet: Es sind einfühlsame, mitunter herzzerreißende Geschichten, die nie von Wut oder Hass befeuert werden, vielmehr von tiefer Traurigkeit erfüllt sind. Aber auch von großer humanistischer Zärtlichkeit für all die gebeutelten Kinder, Frauen und (Ersatz-)Familien dieser Welt.

© Susanne Duddeck




Vorgestellt von Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt deutscher Film und Filmgeschichte; ehemals Chefredakteur der Zeitschrift FILMDIENST.

 

Dieser Text ist das "Editorial Film" des Büchergilde Magazin 3-2019. -> zum PDF

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