Unser Filmtipp

Die Farbe des Granatapfels

Das Drama Als wir tanzten zeigt ein kulturell gespaltenes Georgien zwischen Tradition und Moderne

 

Von Horst Peter Koll

© Salzgeber

„Es reicht!“, herrscht der strenge Tanzlehrer seinen Schüler an, aber für Merab reicht es noch lange nicht. Er kann und will nicht aufhören zu tanzen, dafür stehen sein Körper und seine Seele viel zu sehr unter Anspannung. Später erklärt ihm sein Lehrer, dass im georgischen Tanz kein Platz für Schwäche sei, aber der junge Tänzer ist nicht schwach. Leidenschaftlich hart trainiert er, um ins Ensemble des Nationalballetts aufgenommen zu werden, wobei sein Gesicht vor Glück strahlt, wenn er tanzt, bevor es im nächsten Moment Merabs Enttäuschung spiegelt, wenn ihm die Anerkennung verwehrt wird. Ständig schwebt das übermächtige Gespenst der Tradition durch den Tanzraum, aber auch durch Merabs gesamtes Leben. Nicht nur der georgische Nationaltanz duldet keine Abweichung, keine Individualität, wie also kann Merab leben, wie lieben im ständigen Konflikt zwischen Befreiung und Anpassung? Vor allem, wenn man sich unsterblich in einen Mitschüler verliebt hat?

© Salzgeber

Als Georgien noch eine Sowjetrepublik war, gehörte Film zu den verheißungsvollsten Künsten des Landes. Regisseure wie Eldar Schengelaja, Otar Iosseliani und Tengis Abuladse schufen fantastische Meisterwerke voller Poesie und wurden selbst von der Sowjetmacht respektiert – zumindest solange ihre Filme keine Kritik am Alltagsleben übten, sei sie auch noch so subtil in metaphorische Märchen oder visuelle Traumspiele verpackt. Dann geriet selbst ein berühmter Regisseur wie Sergej Paradshanow (1924–1990) in die Mühlen von Politik und Justiz. Dessen epochales Bild- und Tongedicht Die Farbe des Granatapfels (1969) reihte Szenen aus dem Leben des Musikers Sayat Nova im 18. Jahrhundert zu einer experimentellen Collage, die heute noch beeindruckt. Die georgische Sängerin Katie Melua griff sie im Video ihres Songs „Love Is A Silent Thief“ auf und zeigte respektvoll, wie essenziell Kunst und Kultur für die georgische Identität sind. Paradshanow war armenischer Abstammung, wurde aber in Tiflis geboren, stets wollte er sich mit seiner Kunst befreien, ohne sich anzupassen. Mehrfach wurde er verhaftet und verurteilt, wegen Homosexualität, illegalem Handel, der „Verleitung zum Selbstmord“.

© Salzgeber

Auch Katie Melua wuchs in Tiflis auf, als Kind floh sie mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg nach Belfast, noch bevor der Kaukasusstaat 1991 unabhängig wurde. Der Regisseur Levan Akin wiederum wurde 1979 als Kind georgischer Auswanderer in Schweden geboren, mit seinem Film Als wir tanzten spürt er also aus noch größerer Entfernung seinen Wurzeln nach. Doch auch er zeigt, wie schwer Geschichte und Gegenwart in Georgien in Einklang zu bringen sind. Wenn die kulturelle Identität tatsächlich eine Frage des Überlebens ist, so Akin, sei es umso wichtiger, zu zeigen, dass man Traditionen auch bewahren kann, wenn man sich neuen Wegen öffnet.

„In Georgien gibt es drei Dinge“, sagt er, „die als Inbegriff der Tradition und der nationalen Identität hochgehalten werden: die Kirche, der traditionelle mehrstimmige Gesang und der traditionelle Nationaltanz.“ Einmal lauscht Merab in trauter Runde tief bewegt einem solchen Gesang, und es ist kein Zufall, dass er kurz danach in einen saftigen Granatapfel beißt, jenes mehrdeutige Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, aber auch für Macht, Blut und Tod. Entsprechend geht es in Als wir tanzten um weit mehr als „nur“ ums Tanzen. Es geht um den bedrohlich schwindenden Zusammenhalt einer auseinanderdriftenden Gesellschaft, die ihre Identität und Menschlichkeit aufs Spiel setzt, wenn sie auf Konfrontation baut und einer tief wurzelnden Homophobie Vorschub leistet.

© Salzgeber

Akin indes argumentiert mit den subtilen Mitteln einer Filmkunst, die nie spaltet, vielmehr auf Respekt, Verständigung und Aussöhnung vertraut. Wer sehen will, kann in seinem Film alles sehen: die Schönheit des klassischen Tanzes ebenso wie das tiefe Glück des persönlichen tänzerischen Ausdrucks, die leidenschaftliche Liebe zweier junger Männer, ihre schwärmerische Sehnsucht, die niemanden verletzen, sich aber nicht verstecken will. Meisterhaft verbindet der Film Chiffren sozialer wie privater Befindlichkeiten, die sich vielfach in Worten und Gesprächen, Gesang und Tanz überlagern, aber auch in Momenten tiefer Stille und Trauer ihren Ausdruck finden. So ist Als wir tanzten ein bewundernswert aufrichtiger Film über die Bedeutung, frei zu sein. „Never felt less like dancing”, singt Katie Melua, aber auch: „Never felt so great.”

© Salzgeber
© Susanne Duddeck

Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte.